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Versicherungsmathematik: Interview mit Mathematikerin Dagmar Haider

Für die einen war Mathe zu Schulzeiten ein Gruselfach, für die anderen der Weg in die Berufswelt. Als Versicherungsmathematiker*in ist man tagtäglich mit Zahlen konfrontiert, berechnet Beiträge und entwirft gemeinsam mit anderen Fachabteilungen neue Produkte. Doch was macht die Versicherungsmathematik eigentlich aus? Hat auch sie sich über die fast 100-jährige Geschichte verändert? Und wie sieht „die Mathematik der Zukunft“ aus? Wir haben mit Dagmar Haider, Aktuarin und Leiterin der Mathematik KV, gesprochen!

  • Interview mit Frau Dagmar Haider 
  • Diplom-Mathematikerin und Aktuarin beim Münchener Verein 
  • bereits 23 jahre tätig

    Redaktion: Vielleicht können Sie sich einmal kurz vorstellen - wer sind Sie und für welchen Bereich sind Sie zuständig?

    Mein Name ist Dagmar Haider, ich bin Diplom-Mathematikerin und Aktuarin (DAV). Beim Münchener Verein leite ich den Fachbereich Mathematik Krankenversicherung und bin Verantwortliche Aktuarin (VA) und Versicherungsmathematische Funktion (VMF) für die KV.

    Redaktion: Seit wie vielen Jahren sind Sie schon für den Münchener Verein tätig? Gab es in dieser Zeit ein interessantes Ereignis, von dem Sie berichten möchten?

    Im April werden es 23 Jahre, die ich für den Münchener Verein tätig bin. In der Zeit gab es einiges Interessantes. Fachlich waren die größten Ereignisse sicher die kompletten Tarifneukalkulationen 2009 aufgrund des Wettbewerbsstärkungsgesetzes (WSG) mit der Einführung des Übertragungswertes sowie 2012 aufgrund der Unisexumstellung. Und die Einführung von Solvency II. In der Erinnerung aus dem Leben beim Münchener Verein sind mir natürlich auch einige ausgiebige Betriebsfeiern geblieben. Sicher nicht das ausschweifendste, aber dafür sehr nachhaltige Fest war die Einweihung des Palais (Pettenkoferstr. 22) in 2001, womit wir die Cafeteria bekommen haben. Auch wenn sie damals noch ohne Barista war, entstand so ein bereichsübergreifender Treffpunkt. 

    Redaktion: Nun gibt es den Münchener Verein schon seit 100 Jahren: Können Sie kurz zusammenfassen, was sich in dieser Zeit im Bereich der Mathematik beim Münchener Verein verändert hat?

    Die Änderungen im Bereich Mathematik haben wenig mit der Wissenschaft der Mathematik zu tun, sondern sind vor allem durch technische Änderungen und gesetzliche bzw. regulatorische Vorgaben bedingt. Wie die Beiträge und Tarife vor 100 Jahren ausgeschaut haben, weiß ich nicht. Aber Tarife, die es seit 70 Jahren gibt, haben wir immer noch – diese sind sehr einfach vom Leistungsversprechen und wurden natürlich „mit Papier und Bleistift“ gerechnet. Das hat sich erst langsam verändert, als schrittweise mehr und mehr maschinell gerechnet werden konnte und auch Änderungen am Bestand durch den Rechenkern – anfangs Assemblermodule - berechnet wurden. Und umso mehr man verwalten konnte, umso komplexer hat man auch die Tarife und die Produktwelt aufgebaut.

    Dazu kommen die regulatorischen Rahmenbedingungen, angefangen mit der Einführung der Kalkulationsverordnung oder der Pflicht zur Beitragsanpassung, sicher nicht endend mit der Berichterstattung nach Solvency II. Der Aufwand, die Komplexität und die Themenvielfalt haben sich gerade in den letzten 15 Jahren massiv erhöht.

    Redaktion: Wie schätzen Sie wird die Zukunft in der Versicherungsmathematik aussehen? Was wird sich zukünftig verändern?

    Ich sehe zwei Strömungen. Zum einen besteht eigentlich – auch im Sinne von nachhaltigen Sozialsystemen – verstärkt ein Bedarf nach langfristig angelegten Absicherungen, die eine Versicherung im eigentlichen Sinn darstellen. Hier wird die Herausforderung für die Mathematik darin bestehen, mehr Daten von den Versicherten zu kennen und systematisch auszuwerten. Stichwort "Data Science". Für ein kleines Unternehmen wie den Münchener Verein ist es hier nicht so einfach, die erforderlichen Datenmengen zu erhalten.

    Zum anderen ist es am Markt immer mehr Usus, kurzfristige Absicherungen anzubieten, die eigentlich eher eine Finanzierung, als eine Versicherung darstellen. Hierfür sind weniger die versicherungsmathematischen Methoden gefragt, als die Zusammenarbeit mit den anderen Bereichen, um Ausnutzungsmöglichkeiten zu minimieren. Dafür muss man das ganzheitliche Produkt, das aus Leistungsversprechen, Annahmerichtlinien, Prozessen und Vertriebsvergütung besteht, betrachten und kann nicht wie bei der „klassischen“ Kalkulation nur auf Basis von Vergangenheitsdaten losrechnen.

    Die Regulatorik und die Geschwindigkeit des Marktes werden uns als Bereich Mathematik mit Sicherheit weiterhin mehr Veränderungen abverlangen, als uns manchmal lieb ist. Wichtig ist, eine flexible Basis zu schaffen, um hier schnell reagieren zu können.

    Redaktion: Haben Sie einen Wunsch, was sich in der Versicherungsmathematik verändern sollte?

    Naja, „Versicherung“ und „Mathematik“ sind eigentlich beides Begriffe, die nicht viel mit Veränderung zu tun haben. Versicherung ist auf Nachhaltigkeit und Langfristigkeit ausgelegt. Und Mathematik besteht aus unumstößlichen Axiomen.
    Wenn ich mir etwas bezüglich der Rahmenbedingungen für unsere Arbeit wünschen dürfte, dann, dass Regelungen, die nicht mehr zeitgemäß sind, von der Politik auch angepasst werden. Ein Beispiel ist der Beitragsanpassungsmechanismus. Oder auch Paragraphen, die ihre volle Berechtigung haben, wenn es darum geht, Vollversicherte vor der Willkür von Versicherungsunternehmen zu schützen, die aber für die moderne Welt der Zusatzversicherung nicht passen und uns hier das Leben schwer machen.

    Schön wäre es auch, wenn man wieder mehr Zeit hätte, um Sachverhalte zu analysieren und Modelle auszuprobieren. Stattdessen ist man gerade durch die aufsichtsrechtlichen Anforderungen unter Solvency II damit beschäftigt, sehr viele Dinge nur zu machen, weil man sie tun muss, ohne, dass man als Unternehmen einen Mehrwert davon hat.

    Redaktion: Frau Haider, vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Versicherungsmathematik!

    Jederzeit gerne!

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